Flucht aus Absolom [1994]

Genre: Science-Fiction/ Action
Originaltitel: No Escape [Alternativtitel: "Escape from Absolom"]
Laufzeit: 113:34 Min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1994
FSK-Freigabe: ab 18 Jahren / Indiziert

Regie: Martin Campbell
Autor: Michael Gaylin und Joel Gross nach dem Roman "The Penal Colony" von Richard Herley
Musik: Graeme Revell
Darsteller: Ray Liotta, Lance Henriksen, Stuart Wilson, Kevin Dillon, Kevin J. O'Connor, Don Henderson, Ian McNeice, Jack Shepherd, Michael Lerner und Ernie Hudson


Kurzinhalt:

Im Jahr 2022 besteht die Justiz nicht mehr aus dem Versuch von Bestrafung und Rehabilitation, vielmehr ist ihr Vollzug privatisiert und einzig darauf ausgerichtet, Straftäter für immer wegzusperren.

J. T. Robbins (Ray Liotta) war Soldat- bis er seinen kommandierenden Offizier erschoss. Dafür wurde er verurteilt, doch nachdem er mehrfach geflohen ist wird er in das härteste aller Gefängnis verfrachtet, wo er gebrochen werden soll. Der Betreiber (Michael Lerner) schießt sich sofort auf Robbins ein, der im Gegenzug die erste sich bietende Gelegenheit nutzt um sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen. Um ihn endgültig loszuwerden wird er daraufhin auf der abgelegenen Gefängnisinsel Absolom ausgesetzt.

Wie er schnell feststellen muss haben sich die dorthin abgeschobenen Gefangenen in zwei Lager gespalten; die Outsider, welche in anarchischen Verhältnissen wie Barbaren in den Wäldern leben und die Insider, die sich eine neue, friedliche Gesellschaft aufgebaut haben.

Bereits kurz nach seiner Ankunft hat Robbins Walter Marek (Stuart Wilson), Anführer der Outsider, gegen sich aufgebracht und flieht verletzt. Die Insider finden ihn schließlich und ihr Anführer, von allen nur "der Vater" genannt (Lance Henriksen), gewährt ihm Asyl. Robbins interessiert aber nur eines; die Flucht von Absolom…


Kritik:

Martin Campbell hat spätestens seit seinem Debüt als Bond-Regisseur mit GoldenEye [1995] den Durchbruch im Sinne weltweiter Anerkennung geschafft und begeisterte 2006 bereits mit seinem zweiten 007-Abenteuer (dem gleichzeitig zweiten Reboot, den Campbell für die Erfolgsreihe betreute), Casino Royale. Doch auch vor seinem ersten James Bond-Spionagethriller und anderen gelungenen Filmen wie Die Maske des Zorro mit Antonio Banderas war er der Mann am Steuer packender Kinoabenteuer. Bereits 1994 konnte man in Campbells Film Flucht von Absolom erkennen, dass er der Richtige für mitreißende Abenteuer-Action-Inszenierungen ist.

Campbell, wie Lance Henriksen Jahrgang 1940, stammt aus Neuseeland, zog aber 1966 nach London und etablierte sich auf einem nicht immer ebenen und selbst schon beinahe abenteuerlichen Weg in der britischen Filmszene, aus der er spätestens dank der BBC-Ökothriller-TV-Miniserie Am Rande der Finsternis (Videotitel Die Plutonium-Affäre) nicht mehr wegzudenken war. Die logische Konsequenz waren gleich sechs BAFTA-Awards. Erst zwanzig Jahre nach seinem Umzug nach London wurde er das erste Mal für Hollywood aktiv. Nach ein paar Filmen und zwei Folgen der TV-Serie Homicide kam dann der Auftrag für das amerikanische Kino einen Film zu drehen, der auf dem Roman "The Penal Colony" (dt. "Die Strafkolonie") von Richard Herley basiert. Das Buch war 1987 erschienen und siedelte seine Handlung im Jahr 1997 an, was selbstverständlich für den Film verändert werden musste.

Die Produktion übernahm Gale Anne Hurd, die mit Filmen wie Terminator und Aliens – Die Rückkehr bereits sehr große Erfolge aufweisen konnte. Vor den Dreharbeiten wurde jedoch zunächst Herleys Buch für die Filmhandlung angepasst, was die beiden Autoren Michael Gaylin und Joel Gross übernahmen, von denen man hiernach aber praktisch nichts mehr hörte. Abgesehen von der Änderung der Handlungszeit wurde u.a. auch der –Ort verlegt. Im Buch ist er die britische Strafkolonie-Insel Sert, hier die fiktionale Insel Absolom. Der Roman-Protagonist hieß John Routledge, was man schnell amerikanisierte. Außerdem wurde die Handlung naturgemäß gestraft. In Deutschland erschien Herleys Buch zum Filmstart übrigens unter dem Namen "Flucht aus Absolom – Der Roman zum Film" noch einmal neu.

Gedreht wurde –zunächst unter dem Namen des Buches- mit einem Budget von rund 20 Millionen Dollar für ca. drei Monate unter teils sehr widrigen Umständen (vor allem extreme Regenfälle) in Queensland, Australien. Eine wunderschöne Naturkulisse gleich inklusive.

"Drehen Sie mir nie wieder den Rücken zu."

Für die –aufgrund mangelnder weiblicher Rollen ausschließlich männliche- Besetzung bewiesen Hurd, Campbell und Casting-Direktorin Pam Dixon (die später noch mehrfach mit Campbell arbeiten sollte) ein gutes Händchen: "Stahlauge" Ray Liotta, der zuvor hauptsächlich in GoodFellas – Drei Jahrzehnte Mafia [1990] und Fatale Begierde [1992] aufgefallen war, spielt hier seine erste richtige Actionrolle überhaupt und schlägt sich dabei recht wacker. Es gelingt ihm als harter, antiautoritärer Einzelgänger überzeugend ein kantiger Held zu sein, der sich oftmals so gar nicht heldenhaft gebärdet.

Ihm zur Seite stehen auf der einen Seite Lance Henriksen in der väterlichen Rolle des Insider-Anführers und auf der anderen Stuart Wilson als fieser Marek. Während Henriksen den für ihn ungewohnt ruhigen Pol bietet hat Wilson offensichtliche Freude daran grinsend, witzelnd, meuchelnd und schreiend den obersten der Wilden zu mimen, eine Freude, die sich weitläufig auch auf den Zuschauer überträgt. Nach seinem US-Durchbruch in Lethal Weapon 3 – Brennpunkt L.A. [1992] hatte der Brite einige solcher launigen Schurken zu liefern, was er aber stets herausragend meisterte. Die Zusammenarbeit mit Campbell erwies sich dabei als äußerst fruchtbar und führte auch zu weiteren Arbeiten in den späteren Filmen des Regisseurs (Die Maske des Zorro [1998] und Vertical Limit [2000]).

Die weiteren Rollen wurden ebenfalls treffend besetzt. Ernie Hudson konnte nach seinem Erfolg mit den beiden Ghostbusters-Filmen einem weiteren ordentlichen Part Profil verleihen, auch wenn seine Karriere in den folgenden Jahren oftmals mehr durch Quantität denn Qualität beeindruckte. Einziger Schwachpunkt ist Kevin Dillon in der etwas undankbaren Rolle des jungen Casey, dessen Schicksal schlicht Blödheit geschuldet war, für die man als Betrachter wenig Verständnis aufbringen kann.

Flucht aus Absolom verbreitet trotz futuristischer Einordnung gekonnt Endzeitstimmung in paradiesischem Terrain, wartet aber trotz netter Ansätze nicht gerade mit einer neuen Geschichte auf. So findet man Elemente aus literarischen Werken wie "Robinson Crusoe" und "Herr der Fliegen" sowie Filmen wie John Carpenters Die Klapperschlange und den Sci-Fi-Knastfilm Fortress – Die Festung [1992] wieder. Trotzdem beweist der Film vor allem zu Beginn einen hohen Abwechslungsreichtum und nach der Ankunft von Robbins auf Absolom gleich ein hohes Maß an Spannung und Action. Zudem sind die Lager beider Parteien von hoher Authentizität geprägt und die Landschaftsimpressionen sind schlicht beeindruckend.

"Du darfst jeden essen den Du fangen kannst."

Parallel zu seinem Actiongehalt mit einigen recht detaillierten Tötungen weist der Film aber auch eine Vielzahl anderer Themen auf. So geht es nicht nur um die verschiedenen Gesellschaftsformen, die sich auf der Insel in Konkurrenz zueinander entwickelt haben, es wird auch die Justiz und die Macht von Wirtschaftskonzernen angeprangert, es gibt die Fluchthandlung und die moralischen Fragen danach, was um des Überlebens Willen alles erlaubt ist.

Leider werden bei weitem nicht alle diese Ansätze so optimal genutzt und ausgespielt wie es dank Campbell bei den Verfolgungs- und Kampfszenen der Fall ist. Das moralische Hinterfragen etwa eines Ausschlusses aus der Insider-Gemeinde oder auch die Kritik an den unmenschlichen Haftsystemen sowie die gesellschaftskritischen Aspekte der Geschichte werden im Grunde in wenigen Augenblicken abgehandelt. Auf der anderen Seite nimmt sich der Film vor allem im Mittelteil innerhalb des Insider-Camps etwas zu viel Zeit und gerät dabei ins Stocken. Nebenhandlungen wie die Rivalität zwischen den verschiedenen existierenden Outsider-Gruppierungen oder auch das Verhältnis von Marek und "Vater" werden lediglich angeschnitten und dann kaum weiter verfolgt.

Die produktionstechnische Seite lässt indes keinen Grund zur Klage aufkommen. Die Effekte entsprechen der Entstehungszeit des Filmes, die Bauten auf der Insel sind zwar überschaubar aber beeindruckend naturalistisch. Das gleiche gilt für die Kostüme, Make-up etc. Es gibt  überdies einige gute Stunts zu bestaunen (wie der tiefe Sturz von Robbins bei der Flucht vor Marek) und mit Ausnahme der mäßigen Eröffnungsszene können auch die Musik von Graeme Revell sowie das Sounddesign überzeugen. Lediglich auf die immergleichen und nicht unbedingt gelungenen visuellen Spielereien bei Robbins' traumatischen Erinnerungen hätte man gut verzichten können.

Der Film startete am 29.04.1994 in den US-Kinos und am 14.07. desselben Jahres mit einer sehr guten Synchronisation (vor allem Marek gewinnt hier noch zusätzlich an Witz) auch in Deutschland. Das Einspielergebnis war zwar nicht herausragend aber immerhin gut. Bei den Saturn Awards 1995 wurde der Film als "Best Science Fiction Film" nominiert, unterlag aber Roland Emmerichs Stargate.

 


Fazit:

Dank Flucht aus Absolom gelang es Regisseur Martin Campbell, sich als Filmemacher in Hollywood zu platzieren und seitdem eine ganze Reihe sehr guter Filme abzuliefern. Seine bekannte Pfade streifende Action-Robinsonade ist über weite Strecken mitreißend und packend, dynamisch inszeniert und schön anzusehen. Ray Liotta und Stuart Wilson bleiben mit ihren Rollen nachhaltig in Erinnerung, gleiches gilt für die Postkartenmotive der Insellandschaften, die Campbells Stammkameramann Phil Meheux eingefangen hatte.

Der Film ist indes lange nicht perfekt, da er einige dramaturgische und erzählerische Möglichkeiten unausgeschöpft verstreichen lässt und im Gegenzug an ein paar Punkten im Mittelteil des Filmes etwas ins Stocken gerät. Trotzdem überzeugt Flucht aus Absolom als handwerklich guter Sci-Fi-Actionthriller mit B-Movie-Charme. Er ist einer jener Filme, die man sich problemlos mehrfach ansehen kann, da sie trotz bereits bekanntem Ablauf stets aufs Neue zu unterhalten vermögen.

 


Wertung: 4,5 von 6 Punkten


Der Lance-Faktor:

Rolle: der Vater
Synchronsprecher: Jochen Striebeck

"Der Vater" war eine vor allem für die Entstehungszeit des Filmes eher ungewöhnliche Rolle für Lance, der sich hier bereits mit grauen Haaren zeigte. Mutmaßlich kam das Engagement über Produzentin Gale Anne Hurd zustande, mit der er schon an Terminator und Aliens – Die Rückkehr gearbeitet hatte.

Im Jahr vor Kinostart der Flucht aus Absolom begeisterte Lance mit Schurkenrollen in Filmen wie Harte Ziele und Man's Best Friend das Publikum, doch während diese in den Kinos liefen saß er den Sommer 1993 in Australien fest, dem meist schlechten Wetter ausgesetzt und drehte einen Film mit einer für ihn ungewohnt passiven Rolle. Immerhin: im Film verstreichen nur etwa 26 Minuten, dann betritt Lance die Bühne, wirkt aber neben den sehr dynamischen Rollen von Liotta und Wilson etwas blass.

"You've got a terrible case of 'nobody tells me what to do'."

Alles in allem einiges an Screentime, ein ungewohnter Look und eine ungewöhnliche Rolle, die durchaus ihre Momente hat. Der ganz große Henriksen-Klassiker wurde sie aber nicht.

"Sie haben sich als äußerst einfallsreich erwiesen."

Jochen Striebeck, inzwischen der neue, dritte Stammsprecher für Clint Eastwood, sprach Lance bereits einige Jahre zuvor in dessen Rolle als Vampir Jesse Hooker in Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis. Obwohl er, wie alle anderen an Flucht aus Absolom beteiligten Sprecher, eine gute Arbeit ablieferte konnte er sich ebenfalls nicht als Stimme für Lance etablieren.

 

 

Wertung: 4 von 6 Punkten

29.11.2009
DS