Genre: Horror
Originaltitel: Primal [vorher: "The Lost Tribe"]
Laufzeit: 85:55 Min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
FSK-Freigabe: Keine Jugenfreigabe / ab 18 Jahren

Regie: Roel Reiné
Autor: Mohit Ramchandani (Story); Mohit Ramchandani und Mark Davidson (Drehbuch)
Musik: Bennet Salvay
Darsteller: Emily Foxler, Nick Mennell, Brianna Brown, Hadley Fraser, Marc Bacher, Maxine Bahns mit Terry Notary und Lance Henriksen


Kurzinhalt:

Nachdem sie einen schwer verletzten Mann auf hoher See geborgen haben verunglückt die Yacht von Tom (Nick Mannell), Anna (Emily Foxler), Joe (Marc Bacher), Alexis (Brianna Brown) und Chris (Hadley Fraser). Das Boot ist verloren, doch die Fünf können sich auf eine nahe gelegene Insel retten. Da auch das Funkgerät angespült wird gehen sie von einer schnellen Rettung aus, doch kurz darauf verschwindet zuerst die Leiche des Unbekannten und dann finden sie die Überbleibsel einer anthropologischen Expedition.

Gestrandet

In der Nacht verschwindet schließlich auch noch Tom. Die Anderen machen sich auf die Suche nach ihm, nicht ahnend, dass auf der Insel eine menschenähnliche Spezies unbemerkt die Evolution überlebt hat. Eine blutrünstige Spezies, die schnell und tödlich zuschlägt. Der gnadenlose Kampf ums Überleben beginnt…


Kritik:

Eine geheimnisvolle Insel, ein Jahrhunderte altes Geheimnis, eine Verschwörung sinnister erscheinender Gesellschaften, der Kampf Mensch gegen übernatürliche Kreatur… Das alles sind Zutaten vieler Genre-Filme der letzten Jahrzehnte, die in verlässlicher Regelmässigkeit erneut zur Grundlage einer neuen Produktion werden. Für ein typisches, kostengünstiges B-Movie braucht es dann nur noch einen weitgehend unbekannten jungen Cast als Kannonenfutter, ein paar härtere Effekte und am besten noch einen bekannten Namen in einem Gastauftritt, damit der geneigte Fan des phantastischen Genrefilms leuchtende Augen bekommt.

Die Chancen, dass aus der Neuverwertung der konventionellen Bestandteile wahlweise ein unterhaltsamer oder ein grausam schlechter Film wird, stehen in etwa gleich, wobei es letzten Endes meist eine Frage der vor und hinter der Kamera versammelten Talente (oder eben deren Mangel) ist, der darüber entscheidet.

Lost Island, das sei bereits vorweg genommen, gehört zu den deutlich besseren Vertretern seiner Art, wenngleich er auch seine Schwächen hat. Man könnte ihn zwar auch ohne den produktionstechnischen Kontext beurteilen, doch die Entstehungsgeschichte des insulanen Horrorstreifens kann für sich in Anspruch nehmen, beinahe selbst genug Material für einen Film zu liefern, weswegen wir zunächst einen Blick auf seinen Ursprung werfen.

Alles begann mit der Produktion des Films The Forgotten Ones, der im wesentlichen die selbe Handlung wie Lost Island besitzt; Überlebende eines Bootsunglücks stranden auf einer vermeintlich einsamen Insel, wo sie sich bald mit einer brutalen, kannibalistischen Spezies konfrontiert sehen, welche die Zahl der Überlebenden rasch dezimiert. Die Hauptrolle übernahm Jewel Staite, bekannt aus der kurzlebigen Sci-Fi-Serie Firefly, dem darauf aufbauenden Kinofilm Serenity und Stargate Atlantis. Regie bei dem in Costa Rica gedrehten Films führte der gebürtige Deutsche Jörg Ihle, der zusammen mit Produzent Mohit Ramchandani auch das Drehbuch schrieb.

Mit dem fertigen Film war das beauftragende Studio jedoch alles andere als zufrieden. Schnell gab es Streit, der letzten Endes darin mündete, dass das Studio sich dazu entschied, quasi direkt ein Remake folgen zu lassen. Damit der erste Film nicht umsonst gedreht wurde, veröffentlichte man ihn selbstredent trotzdem noch. The Forgotten Ones wurde in The Tribe umbenannt und bekam bei seiner deutschen DVD-Premiere 2009 noch den Untertitel Die vergessene Brut verpaßt.

Für das Remake Lost Island, mit dem ursprünglichen Titel The Lost Tribe, stellte man allerdings trotz der hohen Erwartung eines besseren Ergebnisses nur noch rund ein Viertel des vorherigen Budgets zur Verfügung; statt der vier Millionen Dollar beim ersten Film war es nunmehr nur rund eine Million. Außerdem wurden praktisch alle Beteiligten des ersten Films aus der neuen Produktion eliminiert. Übrig blieb Mohit Ramchandani, der weiterhin als Produzent und Ideengeber der Story gelistet wird, während Autor Mark Davidson das fertige Drehbuch lieferte. Neben Ramchandani, der erneut einen kleinen Cameo-Auftritt absolvierte, bekam Darsteller Marc Bacher eine neue Rolle und Terry Notary war, wie im ersten Film, für die Stunts verantwortlich und auch als Alpha Creature zu sehen.

Die Regie übertrug man dieses Mal dem Niederländer Roel Reiné, der 1999 sowohl in seiner Heimat als auch darüber hinaus mit seinem Debüt-Langfilm The Delivery auf sich aufmerksam gemacht hatte und so nach Hollywood gekommen war. Die Dreharbeiten fanden 2006 in Panama statt, doch auch beim zweiten Anlauf lief nicht alles glatt. Unter anderem Wetterschwankungen, Drehbuchänderungen und das niedrige Budget stellten die Produktion vor Probleme und eine ganze Reihe von Nachdrehs, u.a. in Pasadena, fanden noch bis 2007 statt. Die Post-Produktion zog sich hin, durch verschiedene Internet-Berichterstattungen wurde der Film aufgrund der zeitlichen, inhaltlichen und namentlichen Nähe vielfach mit The Tribe verwechselt oder für denselben Film gehalten.

So wurde The Lost Tribe schließlich zur deutlicheren Abgrenzung in Primal umbenannt und feierte erst am 07.11.2009 seine Uraufführung auf dem American Film Market in Santa Monica, USA. Für den deutschen Heimkino-Markt wurde der Film nun mit dem deutlich griffigeren neuen Titel Lost Island – Von der Evolution vergessen versehen und kämpft so um die Gunst der Horrorfilm-Freunde.

Damit schließt sich der Bogen zum eigentlichen Film, der durchaus geneigt ist, sein Publikum zu spalten. Einerseits bietet er inhaltlich wenig Innovation oder Überraschung, denn ähnliche Plots hat es -auch ungeachtet des direkten Vorgängers- schon einige Male gegeben, sodass hier hauptsächlich Versatzstücke bekannter Stoffe kombiniert werden.

Dabei machte man auch den Fehler, einige Lücken in der Geschichte nicht zu schließen, was besonders die Nebenhandlungen der ursprünglichen Expedition auf der Insel sowie des kirchlichen Söldner-Trupps betrifft. Deren Schicksale muss man allesamt erraten, was ärgerlich ist. Am auffälligsten wird das sicherlich durch den zu Beginn auf hoher See geborgenen Soldaten und eben auch Lance Henriksens Rolle des Gallo, dem es gelungen sein musste, sich längere Zeit auf der Insel durchzuschlagen. Was genau er aber getrieben hat, bis er auf die Gestrandeten trifft, bleibt völlig im Dunkeln. So wäre es deutlich besser gewesen auf diesen Nebenstrang entweder gänzlich zu verzichten oder ihn besser auszubauen.

Mit sinkender Figurenzahl und größerer Konzentration auf die Konfrontation Mensch/Kreatur geht es mit dem Film allerdings im letzten Drittel noch einmal deutlich bergauf. Dialogreduziert, visuell ansprechend und brachial werden einige wohlige Erinnerungen an das Finale von Predator [1987] wach.

Was dem Film auf narrativer Ebene fehlt macht er zudem größtenteils auf der visuellen Seite wieder wett, denn auch wenn Roel Reinés Stil der Kameraführung (die der Regisseur meist selbst übernahm) mit der fast ständigen Bewegung sicherlich nicht jedermans Sache ist, so ist die Gestaltung durchaus interessant geraten. Die Kamera befindet sich nahezu konstant in Fahrt, wechselt dabei geschickt das Tempo und wenn nötig werden mit kleinen Zeitlupen Akzente gesetzt. Die gefürchtete "Wackelkamera", die in den letzten Jahren so manchen Action- und Horrorfilm nahezu unansehnlich werden ließ, findet zwar auch Anwendung, dies aber in einem absolut erträglichen Maß.
Dabei gelingt es Reiné nicht nur die Darsteller und Kreaturen gut einzufangen sondern vor allem auch die malerische Naturkulisse, die in vielen Totalen Urlaubsgefühle wachruft, die dem Horror keinesfalls abträglich sind. Wann immer nötig (und erfreulicherweise fast ausschließlich dann) kommt dieser deftig genug zur Geltung.

Emily Foxler als Anna

Bei den Darstellern macht die Schwedin Emily Foxler in der Hauptrolle vor allem im späteren Verlauf des Filmes noch die beste Figur, überzeugt mit physischem Einsatz und schultert ihren Part in einer Weise, wie man ihr dies zu Beginn des Filmes noch nicht zugetraut hätte. Sie war bereits in verschiedenen TV-Serien in Gastrollen zu sehen, wobei ihre größte bisherige Rolle ein dreimaliger Auftritt in Legend of the Seeker ist. Im Kino war sie darüber hinaus 2009 in Der Womanizer zu sehen.

Von den drei männlichen Bootsfahrern ist sicher Nick Mennells Rolle die fordernste und am besten gespielte, wobei sowohl Marc Bacher als auch Hadley Fraser (der eigentlich Musiker ist, aber auch in Doctor Who eine Gastrolle hatte) ihre Sache gut machen, jedoch insgesamt nicht über Durchschnitt hinaus kommen. Mennell war in den beiden Remakes von Halloween (2007) und Freitag, der 13. (2009) zu sehen.

Bei den Damen wären noch die etwas blasse Brianna Brown (Night of the Living Dead 3D [2006], Timber Falls [2007]) und Maxine Bahns zu nennen, die 1996 mit der romantischen Edward Burns-Komödie She's the One auf sich aufmerksam machte. Leider ist von Maxine Bahns in Lost Island nicht allzu viel zu sehen etwas, was wie bereits erwähnt auch auf Lance Henriksen zutrifft, wobei man hier von einem großen Fehler sprechen muss. Das liegt zum einen eben daran, dass die Nebenhandlung mit seinem Söldnertrupp kaum weiter behandelt wurde, weswegen ihr Fehlen dem Film nicht einmal geschadet hätte. Besser wäre aber gewesen diesen Handlungsteil einfach besser auszuarbeiten. Abgesehen davon ist es für einen kleinen Horrorfilm mit weitgehend völlig unbekannter Besetzung schon fast fahrlässig einen erfahrenen und vor allem bei Genre-Fans sehr bekannten Namen nicht in größerem Umfang zu nutzen.
Wie dem auch sei; Henriksen macht seine Sache in lässiger Ernsthaftigkeit gut, mimt wie so oft den harten Hund und bekommt immerhin eine ziemlich gute letzte Szene. Leider ist die deutsche Stimme vor allem in seinem Fall eine sehr ungewöhnliche Wahl, weniger, weil sie schlecht wäre, sondern weil sie jedem, der die Originalstimme oder häufiger eingesetzte Synchronsprecher kennt, unpassend erscheinen muss. Andererseits; so wenig Text wie in Lost Island hatte Henriksen schon lange nicht mehr, weswegen die deutsche Stimme nicht weiter negativ ins Gewicht fällt.

Wer gut aufpaßt kann übrigens Regisseur Irvin Kershner (Star Wars: Das Imperium schlägt zurück [1980], RoboCop 2 [1990]) in einem winzigen Cameo als Geistlichen zusammen mit Produzent Mohit Ramchandani sehen (in der Rückblende mitten im Film). Außerdem muss auch die gut eingesetzte Musik von Bennett Salvay (Jeepers Creepers [2001], Jeepers Creepers 2 [2003]) gelobt werden, die ihr übriges zur gelungenen Atmosphärenbildung beiträgt. Auch die weitgehend handgemachten Special Effekte, welche dem heute oft inflationären Einsatz von CGI eine Abfuhr erteilen, bleiben, ebenso wie das tolle Creature-Design, positiv in Erinnerung.


Fazit:

Lost Island ist keine Revolution des Horrors, doch wer das erwartet ist sicherlich im falschen Film gelandet. Im Rahmen eines klassischen B-Movies um blutrünstige Kreaturen auf Menschenjagd verbleiben zwar nach wie vor einige ärgerliche erzählerische Lücken doch über die Laufzeit von knapp eineinhalb Stunden wird die Spannung fast durchweg gehalten, wobei vor allem die isolierte Konfrontation im Finale lobend zu erwähnen ist. Die darstellerischen Leistungen sind alle gut durchschnittlich, die atemberaubenden Landschaften punkten sofort, die Umsetzung der Kreaturen ist gut gelungen und vor allem der "erdige" Ansatz mit (weitgehend) handgemachten Effekten und Stunts weiß zu gefallen.

Ein Film also, der abseits von Originalität mit für sein Budget erstaunlicher visueller Kraft zu unterhalten versucht und dem dies auch vortrefflich gelingt.

Wertung: 4,5 von 6 Punkten


Der Lance-Faktor:

Rolle: Gallo
Synchronsprecher: Aart Veder

Die Verpflichtung von Lance für The Lost Tribe bzw. heute Lost Island war durchaus von einer gewissen Bedeutung für Lance' Vita, denn schließlich sollten dieser ersten Zusammenarbeit mit dem niederländischen Regisseur Roel Reiné aufgrund der guten Arbeitsbeziehung kurz darauf noch zwei weitere Titel folgen; der Steven Seagal-Film Deathley Weapon und der Hochseehorror Deadwater.


Vor allem vor diesem Hintergrund ist es ein wenig schade, dass seine Rolle des katholischen Söldners Gallo, der auf einer Insel unliebsame Zeugen eliminiert, so vergleichsweise klein ausgefallen ist. Zwar sieht man ihn gleich in den ersten Szenen, doch dann verschwindet er schnell wieder von der Bildfläche um dann noch einen kurzen Auftritt hinzulegen. Damit ist die Rolle zwar größer als der Gastauftritt in Deathley Weapon, allerdings bedeutend kleiner als die Hauptrolle in Deadwater.

Lance Henriksen als Gallo

Schade ist das vor allem, da Lost Island, trotz chaotischer Produktion und diverser Probleme im Endprodukt, von den drei genannten Filmen der mit Abstand Beste ist.

"Hast Du einen letzten Wunsch?"

Für die deutsche Übersetzung der wenigen Sätze, die Lance in diesem Film zuteil wurden, wurde mit Aart Veder vom Staatstheater Darmstadt wieder einmal eine neue Stimme gefunden, womit die lange Liste verschiedener Synchronsprecher um eine Position erweitert werden muss.

Veders Stimme ist indes nicht schlecht und er macht einen ordentlichen Job, klingt jedoch etwas zu gepresst und will auf Henriksen einfach nicht so recht passen. Aufgrund der geringen Screentime lässt sich das allerdings gut verschmerzen. Die drei Punkte werden nur knapp erreicht. Etwas mehr Präsenz wäre hier sehr wünschenswert gewesen. 

Wertung: 3 von 6 Punkten

18.07.2010
DS